Simon Wascher
Musiker
Traditionelle europäische Tanzimprovisation

m (Α): +43[Ο] 68I.IΟ 3Ο 7Ο 9Ο
e:e-mail-adresse



Einige Anmerkungen zur Vielzahl der Tanzformen


die Bedeutung der Frage nach der Anzahl der Tanzformen die erstrebenswert ist für ein gelungenes Tanzvergnügen wird meines Erachtens häufig unterschätzt.

Eine Kalkulation zeigt worum es geht: wie viele unterschiedliche Tanzformen kann eine tanzende Person in ihrem Zeitbudget unterbringen?

Bei einer Gesamtdauer des Tanzvergnügens von 4 Stunden,
einer Dauer eines einzelnen Tanzes von 6 Minuten (inklusive Aufstellung und Abgang)
und 3 x 20' pause für die der Musiker,
ergeben sich insgesamt 30 Tänze.

Maximal zirka 30 Tanzformen sind also die Menge, die eine tanzende Person bei einem Tanzvergnügen tanzen kann.

Wenn man annimmt, dass der Durchschnittsmensch im Einzugsbereich eines regelmässigen Tanzvergnügens wohnt, das monatlich ausser zu Weihnachten und in den Sommerferien stattfindet, also 9 Termine im Jahr hat, dann ergeben sich damit insgesamt 270 "Slots" um einzelne Tanzformen zu praktizieren, bei 30 verschiedenen Tanzformen also kommt jede Tanzform 9 Mal im Jahr dran. Wird die Zahl der Tanzformen grösser kommt es dazu, dass diese weniger als 9 Mal im Jahr getanzt werden können.
Es ist also im Rahmen eines regelmässigen Tanzvergnügens nicht möglich mehr als etwa 30 Tanzformen regelmässig zu tanzen.

Wenn man sich die Hochburgen traditionellen Tanzens ansieht, werden deren Tanzanlässe von einer sehr kleinen Zahl von miteinander verwandten Tanzformen dominiert, meist machen zwei bis vier Tanzformen über 2/3 der Zeit aus.
Beispiele: Csardas (Ungarn), Slängpolska (Smaland), Polska (Schweden), Gavotte (so erlebt in der Bretagne), Bourrée (Centre, Auvergne), Polka & Walzer (Österreich), Wickler/Steyrer (Obersteiermark um 1820), zwiefach (Bayrischer Wald), Tarantella (Kalabrien), Tango (Melonga), ...

Die Beobachtung zeigt, dass sich die Leute dabei bestens amusieren, die Vielfalt der Tanzformen ist also kein Indikator für einen gelungenen Tanzvergnügen.
Was auch auffällt, ist, dass die Revivals und Traditionen die einen hohen Anteil jugendlichen Tanzenden haben unter diesen Hochburgen zu finden sind, dass insgesamt der Zulauf dort gut bis aussergewöhnlich gut ist.

Die Vielfalt der Tanzformen scheint demnach keine Voraussetzung für ein gutbesuchtes oder jugendliches Tanzvergnügen zu sein. Wie kommts?

Die aufgezählten Hochburgen traditionellen Tanzens belegen sehr erfolgreich eine Alternative zur im Folkloretanz vertreten *Vielzahl* der Tanzformen: die *Ausdifferenzierung* weniger Tanzformen.

Das vorgerechnete Maximum von 30 Tanzformen stellt ja ein oberstes Limit dar, kein Optimum, dieses liegt deutlich darunter, was durch diese durchaus als erfolgreich einzuschätzenden Traditionen belegt wird. Warum das so ist, dazu im Folgenden.

Der erste Grund den ich nennen möchte, ist, dass über die Zahl der Tanzformen festgelegt wird, wie lange jemand der nur wenige Tanzformen kann, ein Anfänger, bei einem Tanzvergnügen tanzen kann. Je weniger verschiedene Tanzformen, desto länger kann ein Anfänger mittanzen.

Werden 6 unterschiedliche Tanzformen getanzt, kann jede Tanzform 5 mal pro Tanzvergnügen getanzt werden. Bei 10 Tanzformen könnte jede davon 3 mal getanzt werden, bei 30 Tanzformen jede 1 Mal.
Jemand, der nur 2 Tanzformen kann, kann bei einem Tanzvergnügen bei dem 6 Tanzformen abwechseln 1/3 der Zeit tanzen, jemand der 4 Tanzformen kann, könnte 2/3 der Zeit tanzen.
Bei 10 vorkommenden Tanzformen sind es dann noch 1/5 für den "2-Tanzformen-Anfänger" beziehungsweise 2/5 für den "4-Tanzformen-Routinier".

Ein wenig kann man dran drehen wenn man 50% der Zeit auf zwei Tanzformen verteilt, und den Rest dann auf andere Tanzformen: Dann können "2-Tanzformen-Anfänger" immer die halbe Zeit tanzen.
Interessant ist dabei aber auch der Rest: 15 weitere "Slots" stehen nun zur Verfügung: das heisst auch auf diese Art sind maximal 17 Tanzformen unterzubringen, wobei 15 nun nur genau einmal vorkommen (so in etwa machen es die Volkstänzer: Volkstanzform 1, Walzer, Polka, Volkstanzform 2, Walzer, Polka, ...)
Wenn man die Zahl der Tanzformen erhöht, ist entweder keine Zeit sie zu tanzen, oder die "2-Tanzformen-Anfänger" werden weniger zu tanzen haben - und bei ca. 30 Tanzformen ist so wie so Schluss, aus.
Sicher, die "2-Tanzformen-Anfänger" werden Tanzformen dazulernen, aber es sollen ja neue "2-Tanzformen-Anfänger" dazukommen.
Eine Beschränkung auf wenige Tanzformen erlaubt einen raschen Einstieg. Das hat nicht nur damit zu tun, dass es nur wenige Tanzformen zu lernen sind, sondern auch damit, dass diese ständig wiederholt werden, man wird in kurzer Zeit immer besser darin.
Wenn die Zahl der Tanzformen sinkt die bleibt mehr Zeit um in den einzelnen Tanzformen Routine zu sammeln. Routine ist immerhin das ist, was aus dem holpernden Anfänger den coolen Routinier macht. Die *tanzenden* grooven sich bei einer kleinen Auswahl an Tanzformen besser ein und können endlich völlig automatisch das richtige tun - ein Tanzvergnügen mit fasst nur Bourrée macht aus fast jedem Anfänger im Eiltempo einen improvisierenden Supertänzer.

Ein weiterer Faktor ist, dass die Musik wesentlich besser wird, wenn sie sich auf wenige miteinander harmonierende Tanzgrooves beschränken kann. Das ist auch ein Problem des 2+15 Modells der Volkstänzer: die Musiker sind nur richtig gut bei den häufig vorkommenden Tanzgrooves, die anderen 15 Tanzformen "bringen sie hinter sich" wirkliches musizieren kommt also die halbe Zeit nicht auf - das wird noch schlimmer wenn die Tanzformen nicht dem selben musikalischen Kulturkreis angehören, so wie es im Folkloretanz der Fall ist. Kaum ein Musiker kann alle verlangten Tanzstile gleich gut, und noch weniger können ihren Stil fünfminütig wechseln.
Also, auch die Qualität des Tanzens heben will muss sich vom Konzept der Tanzformen-vielfalt Marke "Tänze aus aller Welt" verabschieden, das ist nicht ein ideologisches Problem, das ist ein nachrechenbarer Fehler im Konzept.

Vom Aufwand, Tanzformen zu lernen

Ein weiteres Argument ist der Aufwand: Tanzformen zu erlernen kostet Zeit und Geld.
Wenn man davon ausgeht, dass es - zumindest am Anfang - etwa 2 Stunden dauert um eine Tanzform einigermassen zu können, kommt man auf 60 Stunden Ausbildung um bei dreissig Tanzformen Anfänger zu sein. Auf der Grundlage des einleitenden Rechenbeispieles hat man bei 30 Tanzformen zuerst 2 Stunden pro Tanzform gelernt um sie dann für jeweils 5-6 Minuten, insgesamt also ca. 36-40 Minuten getanzt zu werden.
Akzeptiert man eine Reduktion auf 10 Tanzformen sind es dann 27 Slots pro Tanzform oder 2 1/4 bis 2 1/2 Stunden, also immerhin mehr Zeit als man vorher mit Erlernen verbracht hat - man könnte von Amortisation sprechen :-)

60 Stunden sind zwei fünftägige-, also Wochen-Kurse, also etwa der halbe Jahresurlaub und billigstenfalls zusammen 1000 Euro.
Wenn dann bei 30 Tanzformen nicht endlich Schluss sein darf, dann wird das ganze vom erlernen her zum absoluten Minderheiten-nerd-programm, wo ein paar Freaks tausende Euro und mehrere Jahres-Urlaube investieren, nicht unähnlich den Modelleisenbahnern, und der Rest der Welt lieber was anderes tut (das sagt nichts gegen nerds oder Modelleisenbahner: aber die beschweren sich auch nicht, dass der Rest der Welt was anderes macht).


Zusammenfassung und Ausblick

"Fragt man alte Leute, was in ihrer Jugend üblicherweise getanzt wurde, so sind es meist 7 bis 12 Formen."
(Richard Wolfram: Die Volkstänze in Österreich und verwandte Tänze in Europa. Salzburg, 1951, S.134)

Mehr als 30 Tanzformen zu erlernen ist vom Standpunkt der Praxis aus sinnlos - ich persönlich hab bei ungefähr 250 folkloretanzmässig erlernten Tanzformen aufgehört, weil mir klar wurde, dass ich sie nie tanzen werde, weil dafür einfach keine Zeit ist (nicht weil ich mir keine Zeit dafür nehme): Selbst wenn ich systematisch alle Tanzformen durchgearbeitet hätte, wäre ich nur einmal im Jahr dazu gekommen sie zu tanzen. Und dann wäre ich die ersten Minuten damit beschäftigt gewesen mich daran zu erinnern wie es ging, routiniert wird man dadurch auf keinen Fall.

Wer möchte, dass viele neue Leute zu den Tanzanlässen kommen, wiederkommen und besser werden, muss die Idee der breiten Streuung der Tanzformen einfach aufgeben.

In dem Konzept der Ausdifferenzierung weniger Tanzformen tanzen alle selbstgewählte Tanzfiguren im persönlichen Grad der Perfektion und Improvisation.

Alle, "2-Tanzformen-Anfänger" direkt neben "tanzexperten" können, zur selben Musik, auf einer gemeinsamen Tanzfläche, mit nur wenigen Tanz-Grundformen zufrieden und glückich werden.
Anfänger werden besser, Neulinge "hoppeln rum", Traumpaare werden bestaunt.
Gute Tanzende tanzen auf der selben Tanzfläche improvisierte Bourrée d'Auvergne zu viert oder als reine Männersache während neben ihnen die Hoppelfraktion abhottet oder, Gipfel der Peinlichkeit :-) Jemand Walzer auf eine Bourrée-Melodie tanzt, ja warum denn eigentlich nicht?
Ob ein Paar, eine sich zusammenfindende Kette oder Gruppe Tanzender, bei jeder Wiederkehr einer Tanzgroove eine andere konkret aufgezeichnete Variante tanzt oder Irgendwas, das vermutlich ohnehin auch schon einmal wo aufgezeichnet wurde :-) , scheint mir für den eigentlichen Zweck des Tanzens - Freude haben, Glücklichsein, zufrieden nach Hause gehen - völlig irrelevant.

Der einzige Ansatzpunkt den ich sehe, wenn mehr Tanzformen gewünscht werden, ist, die Zahl der Tanzanlässe zu erhöhen, also öfter pro Jahr und damit länger zu Tanzen. Der Knackpunkt ist die Ratio der Tanzformen zur Zahl der Tanzanlässe - Mehr Zeit zum Tanzen ergibt bei Bedarf mehr Zeit für mehr Tanzformen.

Jeder möge sich also selbst fragen:
* wie viele Veranstaltungen mit Tanzmöglichkeit hab ich im letzten Jahr organisiert?
* wurde bei meinem Geburtstag getanzt?
* bei meiner letzten Party?
* bei meinem letzten Konzertbesuch?
* warum hab ich bei der letzten Hochzeit/Scheidung/Trennung/Taufe/Maturafeier/Firmenfeier nicht getanzt, und wie liesse sich das ändern?



Copyright Simon Wascher - Wien