Simon Wascher
Musiker
Traditionelle europäische Tanzimprovisation

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Ein mal hin, ein mal her...

"Oans, zwoa, drui, vir, finf, sechs, sibn, sche-nes Ma-dal, wo gehst hin?
Wo denn hin? Nach Ber-lin, wo die sch-enen Ma-daln sin.
Wo denn hin? Nach Ber-lin, wo die sch-enen Ma-daln sin.

In seinem Heft Altoesterreichische Volkstänze bringt Raimund Zoder 1922 diesen hübschen Text zu einer der populärsten Melodien der Volksmusik-Pflege, dem sogenannten Siebenschritt.
Raimund Zoder hat das Stück wahrscheinlich selbst aufgezeichnet. Zum Ort der Aufzeichnung schreibt er: "aus dem Steyrischen Salzkammergute". Also Österreich, die Gegend um Aussee in der Steiermark.
Schon diese einzige Quelle sagt eigentlich alles. Melodien, Choreographien und Texte sind wesentlich mobiler und veränderlicher, als es die Idee "Uralte regionale Volksmusik" glauben machen möchte.
Der Liedtext belegt zum einen, dass der geographische Bezugsrahmen der Musikanten viel weiter gespannt ist als nur bis zur nächsten Alm. Andererseits kann der Text nicht besonders alt sein, eher letztes Drittel des neunzehnten Jahrhunderts: Berlin ist eine neue, junge Stadt, kein alter Mythos, der Text vielleicht ein Zeitgenosse des "Holzauktion - Rheinländers".

Im Folgenden mehrere Varianten dieser Melodie aus verschiedenen Regionen. Jeder kann sich dann selbst sein Bild machen.
Die Melodie ist viel weiter verbreitet als die Herkunft meiner Notenbeispiele es dokumentiert. Ich konnte das Stück in "freier Wildbahn" auch als "echt" Gasconisch, Irisch oder Schwedisch beobachten, habe dazu aber momentan leider noch keine fundierten Quellen. Vielleicht mag ja auch der eine oder andere Leser diese Lücke füllen.

Die erste der folgenden Versionen ist jene, die zumindest in Österreich bei Vielen gewissermassen als die "richtige" gilt, so wie sie etwa im Kindergarten gelehrt wird.
Wenn man die unterschiedlichen Melodien dann vergleicht, wird man feststellen, dass es sich nicht um Variationen über ein einheitliches harmonisches Schema handelt.

Der Siebmschritt (II. Melodie)
traditionell, aus dem Steyrischen Salzkammergute

In: Altoesterreichische Volkstaenze, Raimund Zoder, Österreichisches Volksbildungsamt, Oesterreichischer Schulbuecherverlag, Wien, 1922, S. 5 nr. 6a, im Buch ganz in G

Siebenschritt
traditionell, Matzdorf (Zips; deutsche sprach-insel), Slowakei.

In: Deutsche Volkstaenze, Heft 56/57, Deutsche Volkstaenze aus der Slowakei, Karl Horak und Karl Schwartz, Baerenreiter, Basel, Paris, London, New York 1963, S. 6, im Buch ganz in F mit ausgeschriebener transposition nach C. Quelle laut Buch: Aufzeichnung Sauter, 1941

Siebentritt
traditionell, Kajuwien (deutsche sprach-insel), Polen

In: Deutsche Volkstaenze, Heft 52/53, Deutsche Volkstaenze aus dem Weichselraum, Karl Horak, Baerenreiter, Basel, London, New York 1962, s. 6, in G, Quelle laut Buch: Friedrich Krueger aus Mieczyslawow

Schwäbischer Tanz
traditionell, Schwaben

In: Pijpersboek, Mart Heijmans, Muziekuitgeverij van Teeseling, Nijmegen, 1980, Nr. 45. Im buch ganz in C.

Jörnshäger Nachtmütz
traditionell, Arendsee, Mecklenburg

In: "Taenze, Stuecke und Lieder Aus Musizierhandschriften in Mecklenburg" Heike Muens, Mecklenburgisches Folklorezentrum der drei Nordbezirke, Rostock 1987, S. 39 ganz in D. Quelle laut Buch: Abschrift eines 1870 begonnenen Tanzbuches aus Arendsee (heute Kuehlungsborn). Richard Wossidlo erhielt es im Jahre 1900. (Wossidlo-Archiv Rostock)

Schornsteinfegertanz
traditionell, Arendsee, Mecklenburg

In: ebenda, S. 47 in A

Die Abweichungen der Melodien untereinander sind nicht als regionale Formen an zu sehen. Eine Vielzahl weiterer lokaler Aufzeichnungen belegt eine ebensolche Vielzahl melodischer Ausformungen innerhalb der Regionen, wie die folgenden drei Beispiele:

St. Konstanz/Voels, Suedtirol


St. Konstanz/Voels, Suedtirol


Corvara, Suedtirol

Alle in:COrpus Musica Popularis Austriacae Bd. 10, Volksmusik in Südtirol, Tänze und Spielstuecke aus der Tonband-Sammlung Dr Alfred Quellmalz (1940-42), Franz Kofler und Walter Deutsch, hrsg. Suedtiroler Kulturinstitut, Verlag Boehlau, Wien, Koeln, Weimar, 1999, nr. 222, 223, 224.

Hier noch eine weitere Variante aus Tirol:
In: Tiroler Volkstanzbuch, Karl Horak, Innsbruck, in G

Auch Raimund Zoder bietet in seinen Veröffentlichungen zum österreichischen Volkstanz verschiedene Varianten an, etwa eine Variante aufgezeichnet in Ybbsitz in Niederösterreich, mit interessanten Akkordtönen auf den Einsen der Takte 5, 6, 7 und deren Wiederholungen:
In: Altoesterreichische Volkstaenze, Raimund Zoder, Österreichisches Volksbildungsamt, Oesterreichischer Schulbuecherverlag, Wien, 1922, S. 5 nr. 6, im Buch ganz in E

Hier noch eine Variante aus einer seiner späteren Publikationen, die harmonisch nicht mit seinen anderen übereinstimmt:
In: Österreichische Volkstänze, Teil 3, Neue Ausgabe, Raimund Zoder, Wien, 1955, s. 76 nr. 1, ganz in F

Manchmal wird das kurze Stück variiert, indem man es einfach in einer benachbarten Tonart wiederholt. Auch hier gibt es keine feste Regel, richtig ist, was gut liegt. Auf der Geige etwa kann eine Melodie leicht auf der nächst höheren Seite wiederholt werden und erklingt damit um eine Quinte höher. Das Melodie-Beispiel aus der Zips zeigt dieses Schema, und auch die folgende Version aus dem oberösterreichischen Mühlviertel:
In: Sammlung August Schwarz, Oberoesterreichisches Volkslliedarchiv Linz MVII 2, in G und D

Diese Niederschrift zeigt auch, wie der gleiche Musikant die gleiche Melodie verschieden spielt (jeweils Takt 7 und 8):

Die letzte Melodie meiner Auswahl stammt wieder aus den selben Dörfern wie die erste, aus den Aufzeichnungen des Schwegelpfeifers Hans Stöckl.

Siebenschritt
traditionell, Altausee, Salzkammergut

In: "Pfeifermusik aus Altausee",Band I, Hans Stoeckl, s. 39, in G

Dieser kleine Ausflug in die Quellen zeigt auch, wie unterschiedlich eine Melodie sein kann, von der eigentlich ein jeder sagen würde, er wisse, wie sie "richtig" gehören würde.
Gerade auch das "allgemein Bekannte" kann für jeden etwas anders sein. Es zeigt sich hier eine grosse Vielfalt, zugleich aber wird jeder regionale Besitzanspruch oder jede vermutete regionale Homogenität in Frage gestellt.
Die verschiedenen Ausformungen sind vielmehr Ausdruck der individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse der Ausführenden. Das Instrument, die Ensembleform, die technischen Fähigkeiten, der Geschmack sind bestimmend. Wenn zum Tanz gespielt, wird kommen dazu die Bedüfnisse der Tanzenden: Tempo, rhythmische und formale Anpassungen an Tanzchoreographien.
Die Vielfalt der heute zugänglichen Quellen erlaubt es uns, uns aus diesen Vorlagen selbst zu wählen, die Erfahrung von Generationen von Musikanten für unser eigenes Spiel anwenden zu können und weiter zu entwickeln. Nutzen wir die Chance.

Simon Wascher, Wien, 6. April 05.

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