Simon Wascher
Musiker
Traditionelle europäische Tanzimprovisation

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Einige Anmerkungen zu Veranstaltungen mit Tanz

Im Zusammenhang mit Volkstanz und Volks... haben viele Menschen schon unangenehmste Erfahrungen mit Bevormundung. Besonders Jugendliche und Wiedereinsteiger, zwei begehrte Zielgruppen, haben meist ausgedehnte Erfahrung damit. Regel: Gutgemeint ist das Gegenteil von gut.
Ich selbst habe über Jahrzehnte darunter gelitten in der Volkstanzszene von netten Menschen wohlmeinend zu etwas gedrängt zu werden. Tanzen ist eine sehr intime Erfahrung. Ob ich jemand anfassen will, lasse ich mir nicht vorschreiben. Was jemand als Bevormundung erlebt, weiss derjenige nur selbst. Selbst wenn es sich um eine wirkliche Übersensibilität handelt, ist dies eben eine Tatsache und muss respektiert werden. Da Bevormundung als sehr abschreckend empfunden wird, ist alles zu vermeiden, was auch nur im geringsten als bevormundend empfunden werden kann.

Der Entscheidungsprozess ob jemand an einer Veranstaltung (aktiv) teilnehmen will, dauert oft lange, manchmal mehrere Veranstaltungen lang. Ein intervenieren, drängen durch den Veranstalter, etwa durch explizites Hereinbitten der Zuschauer kann eine skeptische Haltung in eine definitive Ablehnung verwandeln. Abhilfe ist möglich durch die Schaffung von Übergangszonen: unauffällige, nichtdeklarierte Hintergrundbereiche in denen man "nur" zuschauen, Biertrinken, tratschen kann ohne sich zu deklarieren, die Aktivität muss zu hundert Prozent auf Seiten des Neuzuganges liegen. Jedes Ansprechen von Zuschauern erzwingt eine Deklaration von deren Seite.

Ein paar Grundregeln

* Jeder Besucher hat das unantastbare Recht nicht zu tanzen.

* Die ganze Veranstaltung muss so gestaltet werden, dass sich Nichttanzende ebenso wohlfühlen wie Tanzende.

* Jedes Tanz-Paar hat das Recht selbst zu entscheiden welche Figuren es tanzt.

* Bei tänzen die sowohl als Tanz zu zweit wie auch als Tanz in der Gruppe getanzt werden können, sollen die Gruppen-Tanzende darauf achten Einzelpaare nicht von der Tanzfläche zu drängen (Die Gruppe beansprucht im allgemeinen durch das leere Kreis-Innere überproportional viel Platz).

* Die Wahl des Tanz-Partners ist frei und unantastbar ausser die Tanzenden haben sich freiwillig und wissentlich einem Gruppen-Tanz angeschlossen der anderes erfordert.

* Es ist nicht Aufgabe eines eventuellen Tanzleiters ungebeten Tanz-Paare zu bilden, sei es aus den aktiven Tanzenden oder aus nichttanzenden Besuchern.

* Jeder Besucher hat das unantastbare Recht nicht zu singen. Situationen die dahingehend sozialen Druck hervorrufen können sind zu vermeiden.

* Handlungen, die sozialen Druck hervorrufen könnten, in irgend einer Weise aktiv zu werden, müssen generell vermieden werden.

* Jeder Musiker hat das unantastbare Recht nicht zu musizieren, solange dafür keine Gagenvereinbarung besteht.

* Musikanten brauchen schlechte Melodien nicht zu spielen.

* Die Zeche der aktiven Musikanten ist frei, bezahlbar von den Tanzenden, von den anderen Besuchern und nach Verhandlungsgeschick der Tanzenden vom Wirt, so vorhanden.

* Die Anzahl der Tanzformen und die Komplexität ihrer Grund-Formen soll so bemessen sein, dass jemand ohne Tanzvorerfahrung gelegentlich einen Tanz mittanzen kann, jemand mit Tanzerfahrung ohne spezifische Kenntnisse des getanzten Repertoires bei etwa der Hälfte der Tänze tanzen kann, geführt von einem erfahrenen Tanz-Partner so gut wie immer.

* Niemand darf, ohne seine direkt vorhergehende ausdrückliche Zustimmung (über das Tanzen/Singen) belehrt werden.

ZU: Erklären der Tänze

Lernen ist ein Vorgang der ausschliesslich vom Lernwilligen ausgeht. Der Impuls zur Informationssuche muss vom Lernenden ausgehen. Das ist keine moralisch ethische Regel, das ist eine pädagogische Tatsache, die von Lehrern gerne verdrängt wird. Das heisst, es ist wirkungslos bis kontraproduktiv jemanden eine Information zu geben wenn dieser nicht explizit danach fragt. Also, alles was man machen kann, ist die Neugier, das Interesse wecken und warten, und dann bereit sein, die Fragen, die gestellt werden, zu beantworten (erspart auch ziemlich viel falsch adressierte und kalibrierte Erklärungen).

* Ausgehend von der Tatsache, dass Lernen die ausdrückliche Zustimmung des Lernwilligen erfordert, kann es einen Tanz-Abend mit Belehrungen nicht geben. Tanzen an sich hat nichts mit lernen zu tun, die Verknüpfung von Tanzen mit Lernen ist also definitionsgemäss etwas anderes als eine Tanzveranstaltung, Es wäre eine Lehrveranstaltung, da bei Teilmahme vorausgesetzt wird, dass die Teilnehmer lernen wollen. Der Tanz-Abend soll deshalb auch nicht nicht durch Belehrungen unterbrochen werden.
Tanzen und Tanzen lernen lassen sich nur vereinbaren, wenn während des Unterrichts gleichzeitig weiter ungestört getanzt werden kann (etwa durch Unterricht im Nebenraum). Beispielsweise ist die Bitte um Ruhe, um den Unterricht nicht zu stören eine Zumutung für jeden der nicht zum Lernen gekommen ist, sondern um sich zu unterhalten.
Beim Tanzen selbst soll niemand in irgendeiner Weise belehrt werden. Weder durch Erklären noch durch Vorzeigen. Einen Teil der Tänze kann auch ein Teil der Neuen sowieso einfach durch Abschauen mittanzen, Ansonsten animiert das Nichtkönnen dazu, das nächste Mal eben zur Tanzunterweisung zu kommen oder am Rande der Veranstaltung bei den Tanzenden nachzufragen.

Die Tanzunterweisung soll also in einer eigenen, eventuell dem Tanzen vorhergehenden, nicht aber das Tanzen unterbrechenden, als Lehrveranstaltung ausdrücklich angekündigten Tanzunterweisung erfolgen. Die besten Erfahrungen habe ich mit Tanzunterweisung im Ausmass von etwa zwei Stunden vor Beginn des eigentlichen Tanzereignisses.

* Für die Unterweisung sollte man einen Musikanten fix engagieren, d.h. einen Unkostenbeitrag von den Teilnehmern einheben und an den Musikanten und eventuell den Referenten verteilen. Unterricht und das Spielen dazu ist Arbeit.

* Die Tanzunterweisung soll von erfahrenen Tanzenden nicht als extra Tanzgelegenheit missbraucht werden. Anfänger, die ja meist nicht wissen, welche der Anwesenden gut tanzen, haben sonst leicht den Eindruck viel schlechter als der Rest zu sein. Fortgeschrittene sollen sich daher jedenfalls deklarieren.

Zu den Musikern
Als bis jetzt brauchbarster Kompromiss zwischen einer reinen Musikantensession und einem geordneten Tanz-Abend hat sich folgendes Arrangement erwiesen: Ein repertoiremässig sicherer und musikalisch begeisternder Musiker von dem bekannt ist, dass andere gerne mit ihm/ihr musizieren/ zu seiner Musik tanzen und der mit eher chaotischem Zusammen-Musizieren gut zurecht kommt, wird gebeten die Tanzmusik zu sichern. Das heisst, er sagt zu, pünktlich da zu sein und falls notwendig auch alleine zum Tanz aufzuspielen. Dieser Musiker erhält jenes Geld das von den Tanzenden und anderen Besuchern eingesammelt wird und freie Getränke, wobei zu trachten ist, möglichst einige Freigetränke Bons vom Wirt, so vorhanden, zu bekommen. Ansonsten muss das gesammelte Geld auch dafür verwendet werden. Andere Musiker die mitspielen, erhalten Freigetränke, die entsprechenden Bons verwaltet der Fixmusiker (So bleibt die Entscheidung wer einen Bon bekommt beim Fixmusiker). Um interessierten Musikern den Einstieg zu erleichtern sollten Noten/Tonaufnahmen zusammengestellt werden, die das fixe Repertoire der Veranstaltung widerspiegeln, und ungefähr 2/3 dessen, was an einem Abend gespielt wird, beinhalten.

Zum Wiederholen von der Tänzen
Im Gegensatz zum klassischen Volkstanz- und Folkloretanzkonzept halte ich die Wiederholung einiger beliebter Tänze und das Einschieben gelegentlicher ausdrücklich von Tanzwilligen gewünschter Besonderheiten für den Normalfall. Eine ständige Vergrösserung des Tanzrepertoires hemmt die Tanzenden, weil sie permanent mit dem Einüben neuer Schritte beschäftigt sind und nie eine tänzerische Routine bei allen Tänzen erlangen können, die ein genussvolles Tanzen erst ermöglicht. Die permanente Vergrösserung des Repertoires schottet auch ab gegen Leute, die gelegentlich vorbeischauen und dementsprechend ein kleineres Repertoire an Tänzen beherrschen.

Zehn bis fünfzehn verschiedene Tänze sind Genug. Es dauert dann ungefähr eine Stunde alle zu spielen und zu tanzen, jeder Tanz kommt über den Abend verteilt zwei bis vier mal vor. Wenn ein Tanz, mit einer anderen Musik eine Stunde später wiederholt, beim zweiten mal schon langweilt, ist er entweder schlecht getanzt, schlecht gespielt oder sterbenslangweilig und daher überhaupt zu streichen.

Wunschtänze
Was ich mir wünsche weiss ich selbst, und ob die Musik das spielen will, kann ich erfragen. Wenn sich die Musikanten wohlfühlen sollen, kann es sich nur darum Handeln sie zu fragen, ob sie ein bestimmtes Stück im Repertoire haben und ob sie dieses bitte spielen würden

Es wäre im allgemeinen ideal, und in der Tradition sicher richtig, wenn man bei allen Tanzformen sich darauf beschränkt sich einen Tanztypus (Steirer, Landler[Salzkammergut-, Innviertler-, etc.], Walzer, Mazurka, Schottisch Rheinländer, ...) und wenn notwendig eine bestimmte Form: 12-, 16-, 32-, 48-taktig zu wünschen. Daraus entsteht eine Abwechslung die den Appetit auf immer neue Tanzformen nachhaltig bremst und den Spass am Tanzen erhöht.

Zum Schlusstanz
Das Problem ist auch hier der soziale Mitmachdruck. Wenn ich jetzt nicht tanzen will, dann will ich nicht. Ein Tanz mit permanentemTanz-Partner-Wechsel erzwingt zusätzlich, dass ich mit Leuten tanze, mit denen ich das freiwillig vielleicht nicht tun würde. Das Ganze erinnert fatal an einen Gottesdienst. Schlusslieder finde ich ungeeignet. Hoher sozialer Druck, ernsthaft abstossende Wirkung auf Skeptiker und Schüchterne, rechtsnationale Konotation dieser Tradition. Singen ist manchen Leuten etwas peinlich. Manchen SEHR. Ein Volkstänzer aus Wien meinte einmal "Manche Neulinge können nicht glauben, dass mit 'alle' auch sie selbst gemeint sind." Manche Neulinge können gar nicht glauben, dass es derartiges ausserhalb von Leni-Riefenstahl-Filmen noch gibt.

Soweit ich das überblicke, sind so gut wie alle Besucher volljährig, mündig und wissen selbst was sie tun möchten und was nicht. Tanzen inkludiert fast immer Körperkontakt in einem Ausmass, wie wir ihn sonst nur intimen Freunden zugestehen, Musik und Tanz sind Medien der Emotion. Kein Tanzleiter der Welt kann meine Gefühle, über die ich mir vielleicht selbst erst Klarheit schaffen muss, von aussen beurteilen.

Bei jedem Tanz ist es möglich aufzustehen und mit zu tanzen, so sich ein Tanz-Partner findet. Tänze bei denen dies nicht möglich ist, betrachte ich mit grösster Skepsis. Tanzwillige die ohne Tanz-Partner in einen Gruppen-Paartanz einsteigen und somit irgendeinen der Aktiven hinauszwingen finde ich ausgesprochen unhöflich

Sonstiges
Tänzerische Qualität ist füs Tanzen wichtig, (nur) soweit sie das Tanzerlebnis steigert, es ist sinnvoll sie den Tanzenden - durch Vorbilder und im Unterricht - zu vermitteln damit sie mehr Freude am Tanzen haben, um das Tanzen im Leben zu verankern.
Perfektion darf aber keine Barriere für Neulinge bilden, jeder soll nach seiner Fašon Tanzen, solange davon niemand gestört oder gar verletzt wird.
Mir ist es ein Anliegen, dass man nicht "volks-"tanzen geht, sondern einfach "tanzen".

Für viele ist der optische Eindruck "Tracht " schon eine Hürde. Jeder soll tragen was er oder sie will, Leuten, die eine bestimmte Art der Kleidung "aus Überzeugung" tragen, stehe ich ablehnend gegenüber.

Eine kurze Theorie über die (männlichen) Nichttänzer
von Simon Wascher

Es ist ein allgemein beobachtetes Phänomen, dass es besonders schwierig ist, Männer zum tanzen zu bewegen. Meine Hypothese ist, dass dies eng mit der geschlechterspezifischen Rollenverteilung und der sexuellen Rollenverteilung im besonderen zusammenhängt. Die geschlechterspezifischen Rollen neigen dazu ein Idealbild zu sein: auch, wenn Mann oder Frau diese Rollenanforderungen natürlich nicht erfüllt, so stellt er/sie sich doch in dieser Rolle dar. Die männliche Rolle besagt, dass ein Mann sicher, souverän, stark und nie versagend ist.

In einem besonderen Bereich, im sexuellen, wo sich diese mänliche Rolle exemplarisch an der Erektion definiert, besteht allerdings keine Möglichkeit der Darstellung(Verstellung). Entweder man(n) hat eine oder nicht. Allerdings ist das Sexualverhalten trieblich so abgesichert, dass diese Entblössung der Realität eines Mannes gegen sein Rollenbild nicht zum Aussterben der Menschheit führt, jedoch meist zu einer besonderen Bindung an den Sexualpartner, beziehungsweise wird Sexualität in Beziehungen ausgeübt in denen eine gegenseitige Anerkennung der Realität besteht.

Was hat das jetzt mit dem Tanz zu tun ?

Im Tanz, falls dabei direkter Körperkontakt hergestellt wird, findet sich der Mann in einer gleichartigen Situation wieder: Das Rollenbild erfordert die souveräne Beherrschung der Bewegungen, nun, das ist etwas, dass man durchaus auch spielen kann, allerdings nicht in direktem physischen Kontakt mit einem anderen Menschen: Jede Unsicherheit der Bewegung wird unausbleiblich vom Tanz-Partner wahrgenommen. Mit anderen Worten: entweder man kann es, oder eben nicht. Das so tun als ob, das übliche Rollenspiel, bricht zusammen. Der Mann ist entblösst, und das in den Armen einer Frau, auf die er womöglich ein Auge geworfen hat. Es gibt also eine direkte Verbindung zwischen der Angst vor sexuellem und tänzerischem Versagen, wobei das Tanzen im Gegensatz zum Sex ohne grosse Verluste vermieden werden kann.